home
»Sie sind hier...«
»Meinen allerersten...«
»Draußen überschlugen sich...«
Projekt 205
Fundus
Veranst./Berichte
Über den Autor

Zum Verlagsshop

Leseprobe aus: Rüdiger Fuchs, Genosse Matrose!

[...] Dann, kurz vor dem Abrücken, erschien der Kompaniechef Korvettenkapitän Pfotenhauer auf der Eingangs-Treppe vor der Kasernentür. Im Stillgestanden hörten wir seine Rede, ach was, seine geifernde Ansprache.
   "Genossen Offiziere, Genossen Unteroffiziere, Genossen Matrosen!
   Vor wenigen Stunden haben der Generalsekretär der KPdSU Genosse Michail Gorbatschow und der Präsident der USA Ronald Reagan bei ihrem Treffen in Washington ein Abrüstungsabkommen unterzeichnet. Durch kluge Verhandlungspolitik ist es der friedliebenden Führung der Völker der Sowjetunion gelungen, den Klassenfeind zu Maßnahmen der aktiven Entspannung zu zwingen!
   Aber und das sage ich mit aller Deutlichkeit, das heißt für uns noch lange nicht, daß die Wachsamkeit nachläßt! Das sollen die imperialistischen Machthaber in der Welt wissen! Jetzt erst recht, heißt die Devise! Jetzt erst recht beweisen wir unsere ständige Gefechtsbereitschaft!
   Deshalb, Genossen, hat der Genosse Verteidigungsminister, Armeegeneral Heinz Keßler die heutige Übung befohlen und für die Nacht sechs Stunden Sonderausbildung in Militärischer Körperertüchtigung angeordnet."
   Wir durften die "Kaschis" wieder in der Waffenkammer abgeben und uns, nach eiligem Umziehen, im Trainingsanzug erneut draußen formieren.
   Daß die Russen dem Wettrüsten ein kleines Schnippchen geschlagen und die Sprengkraft aller Atomwaffen auf der Welt bald nur noch reichen würde, den Planeten zweihundertfünfzig- statt zweihundertsiebzigmal komplett zu zerlegen, war doch eigentlich ein Anlaß zur Freude, ein Grund zum Feiern! Ein Tag dienstfrei oder ein kleiner Umtrunk hätte nicht schaden können. Statt dessen hatte unsere Führung diese irrwitzige Beschäftigungstherapie vorgesehen. Die Begeisterung darüber hielt sich bei uns in Grenzen, das zeigte sich an nachlässigen Bewegungen und einer zerfahrenen Antreteordnung. Dem Kompaniechef, dem alles nicht schnell und zackig genug (nach seinem Verständnis "militärisch exakt") gehen konnte, stieß das natürlich sauer auf. Er schraubte sich noch einmal zu einem Brüller hoch:
   "Das müssen wir wohl noch üben, Genossen Matrosen! Ganze Kompanie wieder einrücken - im Laufschritt ..."
   Auf das Kommando "Im Laufschritt ..." hatte der Soldat augenblicklich die Unterarme wie aufwärtsspringende Federn emporschnellen zu lassen und mit rechtwinklig angezogenen Ellen auf das folgende "... Marsch!" zu warten, erst dann hatte er die Beine in Bewegung zu versetzen. Wir liefen also wieder in das Gebäude, traten auf den Fluren an, rückten wieder im Laufschritt aus und traten wieder draußen an. Da es letztlich keine Rolle spielte, wo und mit welchem Sport wir die ganze Nacht verbrachten, gab sich noch immer keiner allzu große Mühe dabei.
   Pfotenhauer geriet außer sich vor Zorn. Er schrie in die sternenklare Nacht:
   "Was glauben Sie eigentlich, was Sie hier machen? Das ist kein Spaß hier. Was denken Sie, wozu Sie überhaupt hier sind?"
   Und dann überschrie er sich bei dem Satz, den ich die gesamte Zeit meines Armeedienstes nicht mehr vergessen konnte, den ich nie vergessen werde:
   "Sie sind hier, das Handwerk des Tötens zu lernen!"
   Das Erschütternde daran war, daß der keifende Korvettenkapitän mit dem verzerrten Säufergesicht recht hatte. Er hatte uns einfach die bittere Wahrheit entgegengeschleudert. Wir übten den Nahkampf, das Schießen mit dem Maschinengewehr und schleuderten Handgranaten - wir lernten das Töten!
   Darauf hatte ich mich feige eingelassen.

 
©  BS-Verlag Rostock